Straßennamen als Instrument der braunen Erinnerungskultur

NSDAP-Mitglied und Bürgermeister in Wildeshausen. H. Petermann

DIE LINKE hatte im Januar den Antrag im Wildeshauser Stadtrat gestellt, 2 Straßen in Wildeshausen umzubenennen (s.hier).
Der Antrag von Kreszentia (Tina) Flauger wurde hier kontrovers diskutiert. Es hat sich dabei herausgestellt, dass besonders die Umbenennung der “Bürgermeister-Petermann-Straße” in den Mittelpunkt der Debatte stieß. Hermann Petermann war als Ortsgruppenleiter der NSDAP seit 1931 und als Bürgermeister von 1933 bis 1945 der hauptverantwortliche Machthaber des NS-Regimes am Ort. Unter seiner Verantwortung wurden die jüdischen Bürger verfolgt, entrechtet, verdrängt, die im Krieg noch verbliebenen schließlich deportiert und in den Vernichtungslagern ermordet. Für diese Mittäterschaft wurde er nach dem Krieg von den englischen Besatzern interniert und von einem deutschen Gericht rechtskräftig verurteilt.
Die unterschiedlichen Meinungen zu einer eventuellen Umbenennung der Straßen zogen sich durch alle Fraktionen im Wildeshauser Satdtrat. Während beispielsweise Heiner Spille von der UWG angeregt hat, die Straßenschilder mit weiterführenden Informationen zu ergänzen, hatte sich die CDU-Fraktion noch einmal eingehend bei Historiker Klaus Schultze aus Münster informiert. „Eine abschließende Fraktionsmeinung wurde nicht gebildet“, so Fraktionsvorsitzender Wolfgang Sasse. „Es gibt bei uns keinen Fraktionszwang. Es gibt Gründe, die eine Umbenennung rechtfertigen, allerdings auch Argumente, die dagegen sprechen, wie zum Beispiel die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz.“
Wir haben mit der Antragstellerin, Tina Flauger, ein Interview über die Beweggründe zur Umbenennung und die darauf folgenden Reaktionen der Wildeshauser BürgerInnen und Fraktionsmitglieder geführt:

In Wideshausen gibt es 2 bekannte Straßennamen von Personen, die eine NS-Vergangenheit haben. Warum wurden deiner Meinung nach für den Beschluss zur Straßen-Benennung die politischen Verbrechen aus dem Kontext gelöst?
Ich denke, dass man damals über die NS-Vergangenheit der beiden gar nicht nachdenken wollte. Es gab – teilweise gibt es das heute noch – ein großes Verdrängungsbedürfnis. Bei manch einem habe ich den Eindruck, dass diese Verdrängung auch dazu dient, sich mit der eigenen Vergangenheit beziehungsweise der der eigenen Familie nicht befassen zu müssen, weil man weiß oder fürchtet, dass es auch dort Fehler gegeben hat.

Ich denke, dass vielen Wildeshauser BürgerInnen der politische Kontext zu Hermann Petermann und Heinrich Müller-Bargloy nicht bekannt sind. Und für die Leute, die Kenntnis haben, gelten beide Bürger als Leistungsträger für Wildeshausen, die nun als Opfer dargestellt werden. Müssen gerade diese Menschen überzeugt werden?
Gerade diese Menschen sollten sich fragen, ob es ihnen wirklich reicht, wenn aktive Unterstützer des NS-Regimes auch gute Dinge getan haben, sich aber nicht kritisch mit ihren eigenen Taten auseinandersetzen. Nachdem die Nazis im Namen des deutschen Volkes Millionen von Menschen jüdischer Herkunft ermordet haben, tragen wir alle Verantwortung dafür, uns damit auseinanderzusetzen. Ich will mit meinen Anträgen dazu beitragen, dass sich in den Köpfen etwas bewegt, dass deutlich wird: Augen zu machen ist verantwortungslos.

Wie haben Wildeshauser BürgerInnen den Antrag zur Umbenennung angenommen, wie waren die Reaktionen?
Die Reaktionen waren ganz unterschiedlich. Es gibt begeisterte Bürgerinnen und Bürger, die sich freuen, dass endlich dieses Thema aufgegriffen wird und die Straßenbenennungen in Frage gestellt werden. Es gibt aber auch eine Reihe, die sagen, man solle die Vergangenheit und die Toten ruhen lassen und mich fragen, was mir überhaupt einfiele, mit meinen Anträgen so etwas loszutreten und der Petermann habe doch viel gutes getan. Und es gibt Anwohner, die es lieber gehabt hätten, wenn dieses Thema gar nicht hochgekommen wäre, weil sie einiges an Formalitäten zu erledigen haben, wenn ihre Straße umbenannt wird.

Gewohnheit, Verdrängung, Ignoranz sind Aspekte, die Faschismus/Rassismus fördern. Mangelt es in Wildeshausen an eine Aufarbeitung deutscher und urbaner NS-Geschichtspolitik?
Ja, ich finde, da passiert in Wildeshausen viel zu wenig. Es gibt so eine Stimmung von „bei uns war das alles nicht so schlimm“. Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit meinen beiden Anträgen werde ich das Thema Aufarbeitung auch nicht ruhen lassen, es muss geklärt werden, was hier passiert ist. Es soll niemand sagen können „Das habe ich ja gar nicht gewusst“.

Du zeigtest dich über die Reaktionen im Rat überrascht. Welche Argumente haben gegen eine Umbenennung gesprochen?
Mich hat die fast völlig fehlende Bereitschaft im Stadtentwicklungsausschuss überrascht, sich mit dem Thema überhaupt intensiver auseinanderzusetzen. Da wurde einfach abgeblockt, mit Argumenten wie „Der wurde schließlich nach dem zweiten Weltkrieg in freien Wahlen wieder als Bürgermeister gewählt“ oder „Die Straßenbenennung war eine demokratische Entscheidung, die dürfen wir doch heute nicht in Frage stellen.“

DIE LINKE hat Wildeshauser BürgerInnen um Vorschläge zur Umbenennung gebeten. Gibt es favorisierte Straßennamen?
Ich würde mich persönlich freuen, wenn die Straße nach einem aus Wildeshausen vertriebenen und später von den Nazis ermordeten jüdischen Menschen benannt werden würde, am besten nach einer Frau, oder nach einem Menschen, der gegen das Nazi-Regime gekämpft hat. Aber ich habe bewusst beantragt, dass Vorschläge von Bürgerinnen und Bürgern kommen, es gibt sicher interessante Vorschläge, wenn meine Anträge beschlossen werden.

Sollte mit der Umbenennung nicht auch eine kritische Aufarbeitung des alten Namensgebers in Form einer Infotafel erfolgen oder ist das deiner Meinung nach nicht notwendig?
Ich glaube, dass auch eine Umbenennung schon eine Menge bewirken würde, allein durch die jetzt stattfindenden Diskussionen. Ein  Zusatzschild mit Hinweise auf den alten Namensgeber und den Grund für die Umbenennung wäre natürlich noch besser, weil das die Diskussion am Leben erhalten würde.

Es gibt immer noch braune Altlasten in Deutschland, die unbescholten in der Gesellschaft teilhaben. Dazu zählt beispielsweise der Jurist Hermann Klenner. Er war im Februar 1944 als 18-Jähriger in die NSDAP eingetreten und hatte sich später als IM “Klee” in die Kampagne gegen den DDR-Dissidenten Rudolf Bahro einbinden lassen. Sollte die antifaschistische Partei nicht endlich Zeit finden, den eigenen braunen Bodensatz aufzuarbeiten? Kann mensch DIE LINKE eine Doppelmoral vorwerfen?
Ohne das gutheißen zu wollen, finde ich, dass der Eintritt eines 18-jährigen in die NSDAP im Jahre 1944 doch anders zu bewerten ist, als wenn ein 33-jähriger schon 1930 in die NSDAP eintritt und während des gesamten Nazizeit als Bürgermeister das Regime mitverwaltet und trägt. Die LINKE setzt sich sehr aktiv mit der Vergangenheit auseinander, nach meinem Eindruck deutlich mehr als andere Parteien, aber ich weiß auch, dass wir damit noch nicht fertig sind – falls man das je sein kann.

Bevor der Rat über den Antrag abstimmte, empfahl der Verwaltungsausschuss der Stadt, die Bürgermeister-Petermann-Straße umzubenennen und die Anwohner in die Namensgebung einzubeziehen. Am Dienstag, den 26.06. folgte die öffentliche Sitzung im Ratsaal mit einer hohen Besucheranzahl. Am Ende überwogen die Bedenken, eine Wildeshauser Straße weiter nach einem Bürgermeister benannt zu lassen, der von 1933 bis 1945 als Nazi der Stadt vorstand. Der Rat beschloss mit 18 Stimmen bei neun Gegenstimmen und drei Enthaltungen die Umbenennung der Bürgermeister-Petermann-Straße.
Tina Flauger verwies erneut darauf, dass Hermann Petermann bereits 1930 in die NSDAP eingetreten war und ein Jahr später, „als es noch keinen Druck gab, das zu tun“, Ortsgruppenleiter der Partei wurde. Ihre Kritik richtete sich aber in erster Linie dagegen, dass Petermann sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg nie öffentlich kritisch mit seinen Aktivitäten zwischen 1933 und 1945 auseinander gesetzt habe. „Jeder hat das Recht auf einen Neuanfang, aber er hat das nicht wahrgenommen und sich der Diskussion gestellt.“
Tina Flauger’s Antrag auf Umbenennung der “Bürgermeister-Müller-Bargloy-Straße” hingegen “wurde wegen der unklaren Datenlage zu Müller-Bargloy” nicht befürwortet.

Nun sind die Wildeshauser BürgerInnen aufgefordert, Namensvorschläge einzureichen. Nach wie vor, wäre nach erfolgreicher Umbenennung eine angebrachte Infotafel sinnvoll, und darauf hinweist, warum dieser Name politisch nicht mehr tragbar ist. Das wäre den Opfern des nationalsozialistischen Regimes geschuldet, an deren Deportation und Ermordung Petermann nachweislich mitverantwortlich war.
Presse-Echo: