INSIDE JOB

INSIDE JOB orientieren sich am 80er Ami Punk/HC, dem Westcoast-Sound Marke BLACK FLAG, POISON IDEA. Schneller, wütender Punk, der durch die geschlossene Tür rast, kompromisslos, ohne Soli, mit Herz, Hirn und viel Leidenschaft vorgetragen. Die kurzen prägnanten Songs entwickeln eine unglaubliche Kraft und Energie, die auf ihren Konzerten gewandelt wird. Hier wird nicht gespart oder in Stand-by-Betrieb geschaltet. Sänger Hagi schreit, springt überraschte Besucher_innen an, rollt über den Boden, fährt imaginäres Skateboard… verbiegt sich, als säße er in einem Ameisenhaufen, wenn er nicht gerade ausführliche Ansagen macht. So erfahren wir, dass er Ikea-Karten-Punkte-Sammler_innen hasst, Wikinger sowieso und schon mal unglücklich verliebt war, gerne skatet und live spielen der Grund ist, Musik zu machen.
Musikalisch immer hart am Limit, textlich ständig kurz vor dem Austicken! Getreu dem Motto: Try, fail, try harder!

INSIDE JOB haben sich entschieden, “den alten Flavour wieder an das Tageslicht zu bringen und mit neuem alten Spirit der Sache wieder Attitüde zu geben”. Was fasziniert dich am Oldschool-HC?
Hagi: Ian Mckay hat mal irgendwo das Statement abgelassen, dass es ihm bei Minor Threat darum ging, in 30 Sekunden alles rauszuschreien, was ihm in der Welt ankotzt. Es ist, glaube ich, das Direkte. Es gibt Musikrichtungen, die unglaublich gut Gefühle wie Liebe, Trauer, Freude ausdrücken können. Hardcore, vor allem in der alten Gangart, ist eine unglaublich gute und unverfälschte Art Wut zu zeigen.

Bist du überrascht, dass sich heute viele deutsche Bands wie SNOB VALUE, OMNIPRESENT DIESEASE, ALARMSTUFE GERD, NAPOLEON DYNAMITE, SNIFFING GLUE… den 80er Ami-HC-Sound annehmen und sich mit diesem Musik-Stil identifizieren?
 Hagi: Was heißt überrascht?! Ich bin froh, dass es sowas gibt. Irgendwann hat man alle alten Platten, aber man braucht ja auch neuen Input. Die Thematiken haben sich ja stellenweise auch geändert in den letzten 30 Jahren. Es gibt einfach viele neue Themen, die total zum Kotzen sind heutzutage, die einfach auch behandelt werden müssen.
Zu dem bin ich Fan der ganzen Spastic Fantastic Records Bands und Sniffing Glue, die du oben erwähnst. Ich finde die unglaublich frisch, weil sie es mal wagen Farbe zu zeigen, HardcorePunk mit deutschen Texten zu machen und so.

Trotzdem gibt es Hinweise, dass sich bestimmte Musikstile wiederholen und von Labels, Medien aufgegriffen und abgefertigt werden. In den 90er Jahren waren es die ganzen Eight Ball Punk and Roll-Greaser, dann folgte Street Punk, 77er Briefs-Punk. So hat jede Dekade ihren Schwerpunkt. Ist dafür eine gezielte Medienstrategie zu beobachten, bei der die Labels und Fan-, Magazines drauf hinarbeiten?
Hagi: Dem ist so, aber ich glaube, dass ist am oldschool Hardcore schon vorbei. Der nächste Hype wird dieses Elektropunkding. Da werden die Elektroheinis und die Punker zu abfeiern. Schätze ich so.
Ich glaube nicht, dass es eine Strategie gibt. Das würde ja heißen, dass es eine Lobby der Hardcorepunks gibt, die durch gezielt gesetzte Artikel sich Medienwirksam platzieren und sich in Hefte einkaufen.
Das ist natürlich schwer zu sagen und wahrscheinlich ziemlich wissenschaftlich zu sagen, wie Trends entstehen und wahrscheinlich noch spezifischer zu sagen, wie Trends innerhalb von Subkulturen entstehen. Klar, gibt es Fanzines, die groß genug sind und in der Lage sind Trends zu setzen, in dem sie bestimmte Bands immer wieder erwähnen und interviewen und so weiter. Wenn man eine Auflage von mehreren Tausend Exemplaren hat, dann findet das halt auch viel Gehör. Aber vielleicht liegt es auch einfach daran, dass ein Fanzine ja von „Fan“ kommt und deswegen das gleiche geil findet, was einfach gerade losgeht in „der Szene“.

Andererseits ist es für ein Label einfacher, sich zu spezialisieren. Gleichzeitig schränkt es aber auch ein…Siehst du dich mit eurem Stil auch strukturell stark limitiert, was eine rasche Abnutzung zur Folge haben kann?
 Hagi: Wir stehen nicht im Proberaum und überlegen, was dem gemeinen Konzertbesucher gefallen könnte. Wenn wir in 6 Monaten der Meinung sind, dass wir eine Bluesnummer schreiben sollten, dann kann das passieren. Wir machen halt zurzeit die Musik, die wir derbe abfeiern und uns auch privat anhören; von anderen Bands halt. Ich glaube, dass einzige was uns limitiert, ist vielleicht Talent .

Eine bewusste Verweigerung einer Stilentwicklung hat indes den Vorteil, das Selbstverständnis klar zu definieren. Wie lautet denn dein HC-Selbstverständnis? Welche Aspekte sind dir besonders wichtig?
 Hagi: Für mich bedeutet es fair zu sein, nachzudenken, selber Sachen in die Hand zu nehmen und am allerwichtigsten jede Menge Spaß. Viele sehen das ganze zu verbissen.

Sind dir die aus der Weiterentwicklung des HC hinzugenommen radikale Lebensstile wie bspw. Straight Edge eine Bereicherung?
Hagi: Das ist mir im Grunde genommen egal. Wenn du beim Thema „Straight Edge“ bleiben willst, dann     habe ich das immer so verstanden, dass man nicht säuft, Drogen nimmt und nicht auf Konzerte geht, um Geschlechtspartner zu finden, damit man einfach fit ist, was zu reißen und wirklich bei der Sache ist. Ich habe nicht das Gefühl, dass da groß was geht in der Richtung. Klar, Straight Edge ist gut für den eigenen Körper. Aber aus meinen Genussmitteln eine Szene zu machen wird mir meistens auch zu dogmatisch.

Seitdem HC sich in den 80er Jahren in mehr verschiedene Subgenres gespalten hat, haben auch die Anfeindungen gegenüber den “Crew-Mitgliedern” zumindest in Amerika zugenommen. Ist dir dein äußeres Erscheinungsbild wichtig, um dich mit einer Szene zu identifizieren?
Hagi: Nein. Ich bin auch nicht so ein Crewtyp. Wahrscheinlich nicht mal ein richtiger Szenetyp. Klar, will  so ziemlich jeder Mensch, auch wenn viele es nie zugeben würden, sich gerne in Szene setzen. Das gilt sogar für Autonome, die jetzt alle mit schwarzer Trainingsjacke, Strumpfhose und kurzer Hose darüber rumlaufen. Das ist halt Geschmack und man will ja auch noch Außen zeigen, wie man tickt. Das funktioniert in allen Szenen bis zur obersten Chefetage gleich. Bei dem einen mit dem Nietengürtel und dem Anderen halt durch den Hugo Boss-Anzug.

„Ich bin nach den Konzerten meistens so kaputt, dass ich Kopfschmerzen bis zur Übelkeit bekomme(…)“

Uniformität und Szenekleidung führt zu einer klischeemäßige Stereotypisierung der Hardcore-Szene. Sind Dresscodes der Beweis dafür, dass die Punk- und HC-Szene wenig innovativ sein kann, sondern sich an vorgegebene Verhaltensregeln und -muster hält?
 Hagi: Nein, eher ein Zeichen, das Punks und Hardcorekids auch nur Menschen sind, die sich am liebsten dann wohlfühlen, wenn sie in einer deutlich erkennbaren Szene ein zu Hause gefunden haben.
Oftmals wird da auch zu viel Wert drauf gelegt. Man versucht dann am Äußeren zu gucken, ob er ein Individualist ist oder sogar ein echter Punk. Da erwischt man sich selber oft dabei, weil die Meinung ja nicht auf der Stirn steht oder auf dem Rücken.
Was die Meinung angeht, ist es schwierig. Kommt man mit der Szene in Kontakt, weil man die selbe Meinung teilt oder kommt man in die Szene, weil es hip ist und reflektiert nur das wieder, was man in der Szene oft genug hört. Weiß man nicht. Bei jedem anders.

Die Aggressivität von Hardcore-Musik wird sowohl von Neonazis als auch von alternativen Hörern geteilt. Wie sind deiner Meinung nach Kampagnen wie “Good night white pride”, “Laut gegen Nazis”, “Kein Bock auf Nazis” zu bewerten, die Extreme Rechte im HC entgegen zu wirken?
   Hagi: Ich glaub nicht, dass „Laut gegen Nazis“ oder „Kein Bock auf Nazis“ wirklich den harten Kern der Szene anspricht. Sondern eher die jüngeren, unorientierten Leute. Und genau um die geht es, weil das sind die, die Gefahr laufen, über Image und Musik in die falsche Richtung zu laufen.
Das Nazis „Wolf im Schafspelz“ spielen ist ja nicht neu, nur noch nie haben sie so extrem beim direkten „Feind“ geklaut. Kleidung, Musik, Transparente, Aufnäher, Buttons, Verhaltenkodex ist alles nur noch auf den dritten und vierten Blick zu unterscheiden. Und wenn dann die Nazis ein bisschen mehr Mühe in die Nachwuchsarbeit stecken, dann kann es leicht passieren. Deswegen finde ich es gut, wenn es Schülerzeitungen gibt, die direkt zeigen, um was für ein Rotz es sich da eigentlich dreht, bevor man nicht mehr raus kommt aus der Nummer.
Ich finde das „Good night white pride“-Logo gut und auch die Bewegung, die da hinter steckt. Manche ruhen sich leider ein bisschen zu sehr auf dem Logo aus. Gibt ja doch schon Bands, die das GNWP-Logo oder andere Antira/Antifa-Symbole auf ihren Flyern und so benutzen und dann trotzdem mit irgendwelchen Zwielichtigen bis deutlich rechts positionierten Bands zu spielen.

„Live spielen ist für mich das, warum ich Musik mache.“

Die “Brain damage” EP ist auf Break the Silence Records erschienen. Warum gab es nicht gleich ein full lentgh-Album?
Hagi: Das ist schwierig. Wir sind uns gar nicht sicher, ob unsere Musik auf einer 12“-Platte funktioniert.
Auf Konzerten spielen wir immer so 17-19 Songs und kommen ungefähr auf 30 Minuten inklusive kurzer Ansagen zwischendurch. Die Stücke sind halt sehr kurz und abgehackt.
Wir haben vor einigen Wochen 15 Stücke mit einer Spielzeit von ca. 20 Minuten eingespielt, wo wir uns noch nicht sicher sind, wie wir die verwenden. Für uns steht das alles noch in den Sternen. Mal sehen.

Was hat sich durch die Veröffentlichung für euch als Band verändert?
Hagi: Erstmal ist für uns alle ein Traum in Erfüllung gegangen: Unsere fucking Musik auf einer Vinyl-Scheibe! Das war für uns -und ich spreche mal nur für mich- seit immer ein großer Traum und einfach das Größte.
Ansonsten hat sich nicht so viel verändert. Wir proben und spielen Konzerte. Manchmal sitzen wir mit roten Wangen vor einem Heft, wenn man mal ein richtig gutes Review liest, dass bringt schon Spaß.

Hagi, auf der Bühne springst du rum, schreist, rollst über den Boden. Dir scheint das Live-Spielen echt Spaß zu machen. Hast du ein spezielles Fitness-Programm für die UNDERDOG_LeserInnen parat?
Hagi: Live spielen ist für mich das, warum ich Musik mache. Ich habe leider keinen Tipp. Ich bräuchte selber einen. Ich bin nach den Konzerten meistens so kaputt, dass ich Kopfschmerzen bis zur Übelkeit bekomme und erstmal eine halbe Stunde Pause brauche und viel Wasser. Mir fehlt es an Atemtechnik. Ich pumpe quasi eine halbe Stunde lang nur Luft aus meiner Kehle ohne wirklich einzuatmen. Klar könnte man auch einfach nur halb so doll machen und sich nicht so viel bewegen, aber das kann ich nicht. Ich muss dabei in Action sein.

INSIDE JOB werden auch immer wieder mit dem Begriff Skate-Punk in Verbindung gebracht. Gibt es in dieser Hinsicht sportliche Aktivitäten, skatest du ernsthaft?
Hagi: Es skaten eigentlich alle mehr oder weniger. Wallace und Mazi sind dabei am meisten mit Talent gesegnet. Ich skate seit über 10 Jahren und kann mal gerade ein Ollie und durch die Gegend heizen, aber es geht um den Spaß bei der Sache. Meine Teenagerzeit und darüber hinaus habe ich am Skateplatz verbracht. Daraus entstand ein Freundeskreis, mit dem man angefangen hat Musik zu machen, auf Partys und Konzerte zu gehen und so weiter. Ich komme aus einer Kleinstadt ohne Szenekneipen und so. Da spielte sich alles am Skateplatz ab. Kommunikation und so.

Ihr habt bereits OFF! und Keith Morris supportet. Hatte das schon eine besondere Bedeutung für dich? Keith zeigte sich ja auch sehr angetan über euch…gibt es also bald eine Split mit OFF! oder gab es keine Gelegenheit, sich ernsthaft auszutauschen?
Hagi: Das war schon echt der Hammer. Wir alle sind große Fans von Off!. Wir wollten da eh hin und plötzlich heißt es ein paar Tage vor der Show, dass wir als Support spielen können, weil Trash Talk die Tour gecancelt haben. Das war super!
Wir hatten die Möglichkeit mit Keith zu reden. Bevor wir auf die Bühne gegangen sind, hat er uns so eine Art Ansprache gehalten, wie ein Trainer vor dem Spiel. Das war irgendwie schon komisch, aber auch cool. Er hat uns gesagt, dass das heute unsere Show ist und das heute unsere Chance ist, denn alten Fürzen da draußen im Publikum zu zeigen, dass es noch junge Leute gibt, die Musik mit Energie und Leidenschaft machen. HaHa. Er hat sich wohl scheinbar auch echt unser Set angeguckt. Wir haben eine Anspielung auf das Lied „No Values“ von Black Flag, was ihm aufgefallen ist und so. Das war schon irgendwie cool.

OFF! haben mit Vans einen Sponsor. Siehst du die Kommerzialität im HC kritisch oder kannst du das nachvollziehen, dass Bands mit Sponsoren Geld verdienen wollen/müssen?
 Hagi: Sie wurden auf der Tour von Vans und Monster-Energydrink gesponsort. Die tragen eh alle Vansschuhe, aber was soll das mit dem Energydrink? Keith ist doch Diabetiker.
Ich sehe das schon kritisch und fand das Interview mit Keith im TRUST (Anmerkung: #153, April/Mai 2012) auch ganz interessant. Die Typen haben nie was anderes gelernt als Musiker zu sein, die müssen davon leben, und wenn sie sich den Arsch abtouren und so, dann kann man das auch honorieren. Man muss halt einfach sehen, dass Off! nie die Undergroundband aus dem Stinkekeller waren und nie sein werden.
Das geben sie aber auch zu. Sie tun ja nicht mal so. Ich habe mit ihnen geredet und mit ihnen gespielt. Sie hatten die selben Getränke im Backstage, das selbe Essen und saßen auch nur in einem blöden Van, nur die Bezahlung ist halt um ein wesentliches besser als bei uns, tippe ich mal!

Morgen geht die Welt unter. Welche Platte(n) sollte(n) unbedingt noch mal gehört und gespielt werden?
Hagi:  Bl´ast – Power of Expression
A.N.S – Preassure Crack
Dead Nation – Painless
Charles Bronson – Discografie
Regulations – Different needs
Slime – I
Angy Samoans – Back from Samoa

Kontakt: http://www.facebook.com/Insidejobhh