COR

COR haben ihr 10-jähriges Bestehen mit einer besonderen Best of-Platte gefeiert. Die ausgewählten Songs wurden nicht nur komplett neu eingespielt, sondern in plattdeutscher Sprache umgeschrieben. Hinzu sind noch 2 neue Songs gekommen und fügen sich ins Konzept ein. Finn ick würklich grootorrig! Und macht auch Sinn, zumal COR auf Rügen wohnen und leben. „Snack platt orrer stirb“ ist angelehnt an S.O.D. „Speak english or die“ und versteht sich als Musik von Menschen, die in der Fremde weilen und in Minuten der Ruhe wehmütig an ihre Heimat denken und sich freuen, wenn sie wieder nach Hause kommen. Insofern ist „Snack platt orrer stirb“ eine kleine Heimatgeschichte. Water, Strand, Sünn un Urlaubsdrom. Oewer de Insel Rügen is väl mihr. COR haben 14 Perlen aus der Tiefe der Bandgeschichte geholt, aufbereitet und fühlen sich weiterhin der Punkschule verpflichtet. Friedemann benimmt sich wie die Axt im Walde, klingt auch auf plattdeutsch wie ein wütender Fährmann, der den ganzen Tag über Passagiere angiftet und von der Insel jagt. Mich interessiert in erster Linie, warum er das Album als Rückbesinnung auf die Heimat definiert und die Liebe zur Heimat propagiert.

„Schön ist es, wenn Menschen lieben was wir tun, dann war alles richtig was wir getan haben.“ (Friedemann)

Friedemann, du erklärst im Video-Interview, dass Best of-Album auf Plattdeutsch ist eine “Rückbesinnung auf die Heimat”. Der eigene Ursprung ist überall Thema. Warum sehnen wir uns gerade jetzt danach?
Für mich ist der Heimatbegriff keine Fragen aus dem Jetzt, sondern beschäftigt mich schon immer. Es ist mir wichtig Wurzeln zu haben, einen Ort der Ruhe, einen Hafen, in den man zurückkehren kann. Wir als Band sind da sehr bodenständig, haben gute Verbindungen zu unserer Heimat Rügen, haben unsere Familien und Freunde hier. Ich finde es wichtig diesen Halt zu haben.
Wir sind Reisende, die viel unterwegs sind, die viel erleben und auch andere gute Orte kennen – aber zu Hause anzukommen ist immer noch groß.
Wir sind sehr naturverbunden, lieben die Insel und das Meer, die Ruhe, wenn die Touristen weg sind und genießen die Einsamkeit. Es fühlt sich ein wenig so an, als ob man zu Mutter nach Hause kommt. Man muss nicht aufpassen ob jemand auf der Lauer liegt, wird beschützt und geliebt und kann sich treiben lassen.
Heimat heißt für mich auch immer Wohlfühlen, Frieden und Liebe.

Das Vertraute gewinnt an Bedeutung – gerade in dieser Zeit, in der wir mit Globalisierung, weltweiter Krise und Unsicherheit klar kommen müssen. Spürbar wird der Begriff Heimat in Deutschland seit einiger Zeit mit neuen Inhalten gefüllt. Möchte COR ein neues deutsches Selbstverständnis vermitteln?
Wir sind keine Deutschtümler und dieses alte, miefige Nationalbewusstsein liegt uns fern. Dieser Ort an dem man sein zu Hause gefunden hat, hat aber nichts mit einer Politik oder einem Orts– oder Ländernamen zu tun, sondern mit seinen natürlichen Gegebenheiten, den Erinnerungen an Dinge, die man hier erlebt hat, an Menschen, die man liebt oder hasst, an Lebensabschnitte etc.
Ich persönlich lege auf meine Nationalität auch keinen großen Wert. Ich bin ein Mensch der auf einer Insel namens Rügen wohnt, die in Deutschland liegt, welches sich wiederum in Europa befindet und im Großen und Ganzen zur Erde gehört.
Aber ich kann gut damit umgehen, dass sich mein zu Hause hier befindet.
Ich verabscheue diesen Land auch nicht, sehe seine Gesellschaft, seine Politik und sein Wertesystem sehr kritisch, denke aber auch, dass diese eher Ergebnis menschlicher Eigenschaften wie Gier, Maßlosigkeit und Egoismus sind. Und das sind keine deutschen Eigenschaften und Probleme, sondern menschliche – und diese Spezies lauert überall, grenzüberschreitend.

“Ich bin ein aufrechter Kerl, geboren in einem freien Land(…)Ich fordere mein Recht, wenn es sein muss mit der Faust(…)heiliger Boden(…)das hat hier Tradition und wird immer so sein()…)”;  Ohstsee fört Läben

Lokal-Patriotismus ist salonfähig geworden – und schick. Habt ihr mit dem Song “Ohstsee fört Läben” einen Beitrag für den Begriff Heimatliebe geleistet? Was verbindest du mit deiner Heimat?
Ich liebe meine Insel, nicht aber was wir als Menschen daraus machen.
Die höher, schneller, weiter Maxime ist auch bei uns angekommen und verwüstet einen wunderbaren Landstrich. Hotels, Straßen, Supermärkte, Baumfällung und Ausverkauf – die Natur wird gnadenlos ausgebeutet – und NUR davon handelt dieses Lied. Es geht nicht um Lokalpatriotismus, sondern Naturverbundenheit.
Die Politik und die Hotelchefs denken, ihnen gehört dieser Ort und verfahren mit ihm wie Vergewaltiger mit ihrem Opfer. Ein drastischer Vergleich, aber mir blutet das Herz, wenn ich diese sinnlosen Veränderungen, diese Naturschändung erlebe. Wir wehren uns dagegen mit Unterschriftaktionen, mit Besuch der Bürgersitzungen, mit Anschreiben an Bürgermeister und Stadtgremien – und müssen doch zusehen, wie neue Bauvorhaben realisiert werden, wie Geld über Vernunft siegt!
„Ohstsee fört Läben“ beschreibt diesen Kampf und unsere Haltung (mit einer guten Portion Ironie) und könnte genauso auf andere Regionen dieses Landes, dieser Erde gemünzt sein.
Heimatliebe ist auch immer mit dem Kampf um den Erhalt der Natur dieser Heimat verbunden!
Ich würde mich aber nie ernsthaft hinstellen und sagen: „Rügen über alles!“ Dass wäre dumm und außerdem gibt es so viele schöne Flecken auf der Welt.

„Und die einzige Tradition, die wir pflegen, ist die der lauten, harten Musik jenseits des Mainstreams und der normalen Hörgewohnheit.“

Wer von der Idealwelt schwärmt, hat Illusionen und Fantasie – und bleibt trotz schnelllebiger Welt ein Mensch mit Herz und Wurzeln. Welche Utopien oder Träume enthalten deinen Lebensentwurf?
Solche die zu meist als kindisch und lächerlich betrachtet werden: Frieden, Liebe, Respekt zwischen den Menschen, den Tieren und der Natur in / und von der wir leben!
Das versuche ich auch zu leben, und es ist komplizierter als die meisten anderen Kämpfe.

Vergangenheit und direktes Umfeld werden idealisiert und neu inszeniert. Ich empfinde auch eure Konzeption von “Rügener Trashrock” als Mittel für diesen Zweck. Das klingt irgendwie auch nach Traditionspflege. Ist eure Selbstdefinition von Antipop und Attitüde “gegen Kommerz” eine Weiterentwicklung des Begriffes Tradition?
Ich denke wir idealisieren nichts. Dieses „Trashrock“ und Rügen – Ding ist eher als Standortbestimmung zu sehen, spielt aber auf den Konzerten und in den Liedern keine große Rolle und wenn, dann mit viel Ironie.
Wir machen Musik für alle, die sie hören wollen, egal woher sie kommen. Die Probleme mit denen wir uns rumschlagen sind auch nicht rügentypisch sondern lebenstypisch und deshalb überall gleich oder ähnlich.
Und die einzige Tradition die wir pflegen ist die der lauten, harten Musik jenseits des Mainstreams und der normalen Hörgewohnheit.

“Wir für euch ihr für uns” ist eine weit verbreitete Phrase, die heutzutage auch von sogenannten Deutschrock-Bands verwendet wird und suggeriert Solidarität, Gemeinschaftssinn und Kameradschaft. Seht ihr euch diesen Faktoren verbunden?
An diese Faktoren ja, nicht an die Deutschrockbandfraktion, die diese auch besingt.
Besser ist auch statt Kameradschaft Freundschaft.
Das sind Tugenden die wertvoll und wichtig, aber sehr selten vorhanden sind.
Außerdem sollte man nicht nur darüber singen sondern auch danach leben.

“Die Snack Platt Orrer Stirb Scheibe ist euch echt total gelungen, fühle mich beim hören irgendwo zuhause” (Fehler im Original) lautet ein Gästebucheintrag, womit das vermittelte Heimatgefühl bestätigt wird. Die Platte ist also ein Symbol regionaler Zugehörigkeit. Wird das die Klientel eingrenzen?
Da Plattdeutsch von max. 0,000000001 Prozent der Weltbevölkerung gesprochen und verstanden wird, werden wir mit diesem Album nicht international durchbrechen. Manchmal sollte man einfach die Dinge tun die einem wichtig sind, ohne auf den Erfolg zu schielen, und dass machen wir mit COR ziemlich oft. Wir hatten Lust auf die Platte – deshalb haben wir sie gemacht.
Und wenn sie dann noch Freude bringt und den Leuten ein Lachen ins Gesicht zaubert ist doch alles ok.
Trashmetal, Punk und Rock and Roll…”Grenzen sind zum brechen da”. Kurioserweise seid ihr in musikalischen Häfen nirgendwo richtig beheimatet. Geht euch der Orientierungspunkt verloren?
Wir sind musikschubladentechnisch schon immer orientierungslos und vielleicht ist das ja unsere Orientierung. Wir hören so viel verschiedene Musik, da kann das Ergebnis nur bunt sein und das sollte es auch. Außerdem sind wir so schwer zu berechnen und niemand weiß was als nächstes kommt – und da haben wir schon einen Plan und 13 neue Songs fertig, die wieder überraschen werden!

Punk und Metal wurden ja schon mal als Begriff Crossover zusammengefügt. Ist das auch ein Anliegen von euch, Punx und Metalheads auf eurem Gig tanzen zu sehen?
Letztendlich spielt ihr aber doch eher in Clubs mit dem Schwerpunkt Punk und HC…
Jeder soll kommen der die Musik mag. Ich weigere mich Leute nach ihren Haaren und Klamotten zu beurteilen. Unser Publikum ist sehr gemischt und das ist gut. Und die Clubsache erklärt sich mit einem einfachen Grund: sie haben einfach unsere Größe. Wir sind ne kleine Combo, und wenn wir nur 100 Leute in eine tausender Halle ziehen, sieht das Scheiße aus und die Veranstalter haben daran sowieso kein Interesse.

„Ich kämpfe darum ruhiger und gelassener zu werden und mich aus dem extremen Gefühlschaos zu befreien“

Beißt sich der Hund nicht in den eigenen Schwanz, wenn ihr eure Spielart als Trashrock definiert, also Punk, Metal, Rock and Roll zu einem eigenen Sound verknüpft, um “Musik unabhängig von Trends zu machen” (Zitat Friedemann), aber dann doch einen neuen Trend kreiert, der letztendlich so neu gar nicht ist, sondern von Bands wie ANTHRAX, S.O.D., PANTERA vorher schon gemacht wurde. Ist eure Anti-Trend-Haltung nichts weiter als eine Marketingstrategie?
Nö eigentlich nicht. Man muss sich natürlich in Interviews ein wenig beschreiben, damit die Leute ne ungefähre Vorstellung bekommen, aber dass wir das Rad des Rock nicht neu erfunden haben ist auch klar. Und in die Richtung der oben genannten Bands geht das Ganze schon und soll es auch, sind ja die Urväter. Wir nehmen das Erbe dankbar an und frischen es mit eigenen Zutaten auf. Dabei versuchen wir aufrecht zu bleiben und uns nicht zu bücken, und wenn man damit dann noch die ein oder andere Mark verdient, ohne sich zu verbiegen, ist doch alles ok! Dieser „Trashrock“ Begriff ist eigentlich auch aus einer Ironie entstanden, weil wir unsere Musik beschreiben sollten. Da haben wir gesagt, dass wir uns an den Resten der guten Bands bedienen und das dann mit ner ordentlichen Prise Rock rausballern – Müllrock!

Das aktuelle Album hat trotz der harten Spielart durchaus melancholische Momente. Von welchen Momenten zehrst du, in denen du dich wohl gefühlt hast?
Ich bin ein sehr zweigeteilter Mensch. Mal kämpferisch, mal am Boden, mal hoffend, mal verzweifelt, und dass dann ziemlich extrem! So kommen die melancholischen Momente zusammen! Diese Platte habe ich auch in einer psychischen Ausnahmesituation eingesungen, deshalb schimmert das wohl mehr durch als sonst. Aber so klangen wir als Band an diesem Tag und deshalb ist die Platte wie sie ist.

Ihr habt Scott “Wino” Weinrich(1)eingeladen, der seine “Künste” im Song “Sägeln” präsentiert. Warum habt ihr gerade ihn für einen Beitrag gewinnen wollen? Was fasziniert euch an ihm als Musiker und Mensch?
Ich bin ein großer Fan, liebe die Musik die er macht, seinen Gesang, seine Gitarrenarbeit. Irgendwann habe ich einfach angefragt, ob ich ein Konzert mit ihm auf Rügen machen kann. „Ja klar“ war die Antwort von Andreas Kohl (Exile on MainstreamRecords), welcher die neueren Wino Sachen teilweise veröffentlicht!
Daraus entstand eine großartige Bekanntschaft, und als ich Wino fragte, ob er nicht Lust auf den Song habe, lies er sich „Sägeln“ übersetzen und hat dann sofort zugestimmt.
Das ist doch grandios – amerikanischer Doomgott spielt auf plattdeutscher Trashrockproduktion, aufgenommen live im Proberaum auf Rügen!!! Ich könnt heulen vor Glück!
Der Mann ist wirklich Rock, bescheiden und genial und seit so vielen, vielen Jahren dabei!

Kann und wird es COR nur in dieser seit nunmehr 10 Jahren fester Bandbesetzung geben? Was verbindet euch und macht eure Beziehung so stark?
Wir sind Freunde und Brüder. Eine Familie. Wir mögen und respektieren uns und machen gern zusammen Musik. Wir streiten und vertragen uns und haben eine gemeinsame Leidenschaft – Rock N Roll.

Früher hast du dich geäußert, immer ziemlich viel Wut im Bauch zu haben. Ist das heute immer noch so stark ausgeprägt? Hört sich ja fast cholerisch an…aber Wut im Bauch hält den Blutzuckerspiegel hoch…was hilft dir, um deine turbulente Gefühlswelt wieder in die Balance zu bringen: Gelassenheit, Weitsicht, Toleranz? Oder brauchst du den Adrenalin-Schub, um kreativ zu werden?
Ich bin an meiner Wut und Raserei letztlich im Jahre 2011 grandios gescheitert und fast zerbrochen. Ich kämpfe darum, ruhiger und gelassener zu werden und mich aus dem extremen Gefühlschaos zu befreien. Die Band und meine Familie helfen mir sehr dabei, alle Gefühle in Bahnen, Texte und Musik zu lenken und nicht durchzudrehen! Wut muss raus, sonst zerbricht sie den Wüterich!

Label, Booking, Promotion. Ihr seid ziemlich unabhängig, aber auch sehr stark eingebunden. Was sind Momente, in denen du alles hinschmeißen möchtest, welche Momente sind für dich als Band gute Momente?
Das letzte Jahr war sehr hart. Pilse (Gitarre) war schwer krank, und als er wieder fit war, bin ich umgefallen. Im Endeffekt sind wir ständig am Ende unserer Kraft und suchen im Moment gerade ein paar Wege, wie wir das Ganze ordnen können und dabei frei und unabhängig bleiben.
Schön ist es, wenn Menschen lieben was wir tun, dann war alles richtig was wir getan haben.

Band:
www.ruegencore.de

Fußnote:
(1) Robert Scott „Wino“ Weinrich (* 28. September 1961 in Maryland, USA) ist ein amerikanischer Doom-Metal-Musiker, der mit Bands wie The Obsessed, Saint Vitus, Spirit Caravan, Place of Skulls oder The Hidden Hand bekannt wurde.